Im Krieg die Spritze,
nach dem Krieg das offene Fenster

Was war das für ein mörderisches, verlogenes System! Das, was der Celler Journalist Andreas Babel recherchiert und in seinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“ zusammengetragen hat, schockierte über 50 Besucher des Vortragsabends bei Schumacher.

Im Mittelpunkt seines Berichts stand Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911-1998), nach dem Krieg Leiterin der Kinderklinik am AKH und so manchen heute noch erinnerlich durch ihre menschenverachtenden Ansichten – „stellen sie das Kind ans offene Fenster, dann sind sie das ‚Übel‘ bald los“. Bis kurz vor Kriegsende betreute Sonnemann mit 14 weiteren Ärztinnen in der Hamburger Klinik Rothenburgsort behinderte Kinder. Mindestens 56 Kinder, so Babel, wurden getötet, um sie vor einem vorgeblich „lebensunwerten“ Dasein zu bewahren.

Das Stichwort Euthanasie (griechisch: „schöner leichter Tod“) war Tarnung, der Realität ganz einfach Mord. Wer im Einzelfall die Luminal-Spritze setzte, wurde verschleiert. Immerhin, vier der 15 Hamburger Medizinerinnen machten da nicht mit. Die elf anderen aber entwickelten keinerlei Unrechtsbewusstsein, wie sich in Vernehmungen nach 1945 ergab. Es existierte kein Gesetz, nur ein so genannter Führer-Erlass. Einem dreiköpfigen Reichsausschuss waren – Hebammen erhielten Prämien! – Verdachtsfälle zu melden. Die drei Herren gaben grünes Licht für die weitere „Behandlung“, im Klartext hieß das: Spritze, Lungenentzündung, Tod. Im Hamburger Bombenhagel musste die Klinik aufgegeben werden. Helene Sonnemann führte 200 Kinder, 60 Krankenschwestern und ein halbes Dutzend Ärztinnen bis nach Celle. Hier wurde sie nach Kriegsende angestellt, hier traf sie auch ihren späteren Mann Fritz Darges (1917-2009), vormals SS-Obersturmbannführer und Adjutant Adolf Hitlers. Im Nachkriegs-Celle sah man das alles nicht so eng. Darges wurde sogar als Geschäftsführe des DRK eingesetzt.

Andreas Babel stellte einige der Kinder vor, denen die Naziideologie das Weiterleben verwehrte. Da kam bei den Zuhörern ebenso Beklemmung auf, wie bei der Schilderung eines Kinderlagers und von 22 Kindergräbern in Papenhorst. Auch in Bergen, Wietze und Unterlüß soll es derartige Einrichtungen für Kinder von Zwangsarbeiterinnen gegeben haben, sagte Andreas Babel. Die Recherche geht weiter. Es gebe auch Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch „schwarze Löcher im Keller“. Eine lebhafte Diskussion beschloss den Abend.

Wer mehr wissen möchte: Seit 2016 liegt die zweite Auflage von “Kindermord im Krankenhaus: Warum Mediziner während des Nationalsozialismus in Rothenburgsort behinderte Kinder töteten“ (Edition Falkenberg, ISBN 978-3-95494-057-8) vor. Weitere Informationen im Internet gibt es hier.

[sff]

Weihnachtsmarkt in Eicklingen
am 17. Dezember

Vortrag im November:
Euthanasie im Celler Land

Publikationen 1 bis 3
jetzt online lesen